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Wenn Chinas Politik keinen wirtschaftlichen Wohlstand schafft, fliegt ihr der Laden um die Ohren 

China-Experte Frank Sieren spricht beim 6. KREATIZE Launchpad in Berlin 

“China hat sich in den letzten 30 Jahren wirtschaftlich emanzipiert. Das Land ist nicht mehr nur Partner von Europa oder den USA, sondern ein ernstzunehmender Wettbewerber”, erklärte Bestseller-Autor (Shenzhen, Zukunft Made in China) und China-Experte Frank Sieren am Abend des 10. Oktober in Berlin. Sieren lebt seit 28 Jahren in Peking. Vor 50 geladenen Gästen aus dem Maschinenbau und Mittelstand sprach Sieren über Chinas Wandel, seine aktuellen Herausforderungen und die daraus entstehenden Konsequenzen für die europäische Wirtschaft. 

Chinas Aufstieg zur Fabrik der Welt, mit zentraler Funktion für die globalen Wertschöpfungsketten und nun auch zur innovativen Techmacht erklärt Sieren in 3 Punkten:

  1. Chinas Wohlstand basiert auf Vertrauen der Bevölkerung in die Politik 

“Eigentlich müsste sich Chinas Politik um das Thema “Vertrauen” oder wirtschaftlichen Wohlstand nicht kümmern. Die Regierung und die Parteiführung werden nicht vom Volk gewählt. Die Medien sind zensiert. Eigentlich könnten sie die Beine hochlegen. Doch sie haben aus der Vergangenheit gelernt: Die Protestbewegung 1989 am Platz des himmlischen Friedens, die sie blutig niedergeschlagen haben, wurde ausgelöst durch eine Wirtschaftskrise mit 30 % Inflation im Jahr 1988. Regierung und Partei wissen heute, dass wenn die Politik keinen wirtschaftlichen Wohlstand bei ihren Bürgern schafft, fliegt ihr das Land um die Ohren.  Also investieren sie in politisches Vertrauen und das gibt es vor allem durch wirtschaftliche Prosperität und Innovation. Deswegen ist es der chinesischen Führung gelungen, so schnell wie noch nie so viele Menschen aus der Armut zu heben. Das haben die Menschen miterlebt und vertrauen der Regierung deshalb auch, wenn es mal ein schlechtes Jahr wie dieses gibt.”

  1. Wie gestört ist dieses Vertrauen?

“Die große Frage ist, was nach dem 20. Parteitrag der Kommunistischen Partei Chinas passieren wird. Erstmals ist bei einer Krise nicht das typische ‘V’ entstanden, bei dem alles anhält, tief fällt und dann aber schnell wieder aufsteigt. Es ist ein “U” entstanden in diesem Jahr. Nun ist die Frage: Gibt es einen grundsätzlichen Vertrauensbruch, was ich eher nicht glaube, oder schieben die Investoren ihre Investitionen wegen Covid und Parteitag nur auf, bis sie wieder klarer sehen. Wenn jedoch dieses Vertrauen nicht zurückkommt, dann hätte China erstmals seit 30 Jahren ein Problem. Denn dann nützen auch die großen Konjunkturprogramme nur wenig, mit denen China zum Beispiel 2008/9 zur Lokomotive der Weltwirtschaft wurde. Denn auch Konjunkturprogramme brauchen Vertrauen. In einem Klima der Angst funktionieren sie nicht.” 

  1. Staat und Innovationswirtschaft spielen Hand in Hand. Vorbild für Europa

“Die Chinesen haben einen Deal mit der Partei: Sie lassen die Partei in Ruhe und verlangen nicht mehr Mitbestimmung. Dafür schafft die Partei immer mehr Wohlstand. Inzwischen hat die Politik, anders als in Europa, verstanden, wie wichtig Innovation für den Wohlstand und die politische Stabilität ist. Daher tut sie heute alles dafür, Startups, Forschung und Entwicklung finanziell und materiell zu fördern und ihnen jeden erdenklichen Freiraum zu geben. Der Staat schafft den Rahmen, den die Privatwirtschaft braucht, um richtig Gas geben zu können. In dieser Frage kann Europa von China lernen. Denn diese Strategie hat sich in 40 Jahren von einem Armenhaus zu einer der führenden Tech Nationen der Welt gemacht. Das könnte Europa auch, wenn es sich denn mal zusammenreißt.“

Auf die Frage, was Europa sonst noch tun könne, um nicht den Anschluss zu verlieren, riet Frank Sieren: “Europa muss lernen, seine eigenen Interessen zu vertreten. Und die sind andere als die Interessen der Amerikaner, aber auch der Chinesen. Denn eines ist klar: Früher gehörte dem Westen der Tisch, an dem die Werte der neuen Weltordnung festgelegt werden. Inzwischen sitzen wir Europäer nur noch an diesem Tisch, wenn wir wirtschaftlich stark sind. Insofern sind Wirtschaftskraft und Werteorientierung zwei Seiten einer Medaille.“

Sie erreichen den Autor über LinkedIn unter seinem Namen oder über Frank@sieren.net

KREATIZE tauscht sich im Rahmen seiner Launchpads regelmäßig mit Experten aus Wirtschaft und Politik über aktuelle Themen rund um den europäischen Maschinenbau, die europäische Wirtschaft und die Innovationskraft Europas aus. Weitere Informationen zu dieser Eventreihe finden Sie unter www.kreatize.com/launchpad

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